Hauptseite
buecher
band24
band5
band18
CamChat I
CamChat II

Band 24 in der gelben Buchreihe „Zeitzeugen des Alltags“

Traumtrips und Rattendampfer

Mario Covi

erzählt in diesem Band aus seiner Seefahrtzeit. Er befuhr von 1962 bis 1990 als Schiffsfunker in der weltweiten Tramp- und Linienfahrt die Ozeane. Er schreibt über ein Leben zwischen Abenteuer und Beruf. So führen seine Geschichten in entlegene Ecken der Welt. Sie handeln von einsamen Wochen auf See und der steten Sehnsucht nach den Dingen hinterm Horizont. Von wilder Lebenslust in wüsten Hafenkneipen und vom schmerzvollen Abschied-nehmen. Aber auch vom Niedergang der deutschen Handelsflotte als frühem Opfer der Globalisierung. Themen wie Schmuggel, Piraterie, blinde Passagiere, das rätselhafte Verschwinden von Schiffen, Unfälle, Seenot, der Tod von Kameraden und der stete Traum vom Traumtrip wird reichlich Raum gewährt.

Inhalt: Band 24

1. Vom Salzgeschmack der Ferne 2. Sehnsucht nach den alten Pötten 3. Lagos Reede 4. Regenzeit 5. Vom Regen in die Traufe 6. In Afrika ist Regenzeit (Lied) 7. Landgang in Alex 8. Scheich, Chief, Chef 9. Crazy Horse 10. Devisenschieberei 11 Trampfahrt 12. Champerico 13. Nicht gesellschaftsfähig 14. Wolken am Horizont 15. Musterrolle 16. Goldschmuggelgeschichten 17. Anatolische Wonnen 18. Blinde Passagiere 20. Azoren, Zoff und Schanker 21. Newark ist nicht New York 22. The Block 23. Stimmungen im Golfstrom 24. Bermudadreieck, Rätselhaftes und Verbrechen 25. Ziehscheinhyänen 26. Meldungen 27. Vinylia 28. Hart am Limit 29. Trinkwasser 30. Ein scharfes Auge 31. Der Traumtrip (Lied) 32. Über den Äquator 33. Belém 34. Amazonasfahrt 35. Holzladung 36. Kruboys 37. Anker hat eingetörnt 38. Kapitäne 39. Williamson-Turn und Porterhouse-Steaks 40. Ein Rätsel 41. Seefahrt – Seenot 42. Fortaleza 43. Abschiede 44. Schwarze Gang 45. QSQ? 46. Gefährliche Ladung 47. Containerfahrt (Lied) 48. Wenn die Seele schlapp 49. Plaudereien – und vom Verlust der Redlichkeit 50. Ein lästerlicher Schnack 51. Weihnachtsstimmung 52. Hoch und trocken 53. Ein Schiff wird kommen 54. Platzhirsche 55. Hass und Dankbarkeit 56. Es hat alles seinen Preis (Lied) 57. Wiedersehen und Erinnerungen 58. Habari – Mzuri

Leseprobe:

Während eines Abendspaziergangs – wir lagen seit einigen Tagen im türkischen Mersin – kollidierte ich an einer hohen Bordsteinkante mit einem Afrikaner. Um uns gegenseitig vor einem Absturz in den Straßenverkehr zu bewahren, umarmten wir uns kichernd und einigten uns spontan, Entschuldigungen auf englisch zu formulieren. Das ließ uns in diesem sprachlichen Niemandsland gleich fröhlich weiterpalavern, das übliche Woher und Wohin und Natürlich-auch-Seemann...

Das kurze kontaktfreudige afro-europäische Zusammenspiel wurde von zwei älteren türkischen Herren beobachtet, die dem Hallo Sympathie abgewannen. Mit radebrechender Wissbegier fragten die türkischen ‚Beis‘, ob der schwarze Seemann ein Filipino sei, was dieser, sich als Tansanier vorstellend, mit der Pointe konterte: „Erst gestern bin ich für einen Chinesen gehalten worden!“ - Fremdländische Begegnungen waren an dieser provinziellen Küste scheinbar noch eine Seltenheit...

Der tansanische Afrikaner mit Namen Muhamed und ich verplauderten den Abend in einer Kneipe. Im begeisterten Rückbesinnen an ostafrikanische Zeiten fiel mir manche Redensart in Kisuaheli ein, und bald klönten wir über Muhameds Heimat, die bergeskühlen Hänge des Kilimanjaro. Muhamed kam aus Marangu, war also ein Spross der Chagga, ackerbautreibende Nachbarn der hamitischen Massai-Hirten. Die Chagga sind ein zähes Volk von Bergbewohnern, die sich bei Exkursionen auf die beiden Gipfel des mit rund 6000 Metern höchsten Bergs Afrikas als Lastenträger einen ähnlichen Namen gemacht haben, wie die Sherpas im Himalaja. Die Frage, wie ein sehniger Chagga zur Seefahrt gelangte, war mir als allerdings wenig bergzähem Österreicher dann doch zu blöd. Wissenswerter erschien mir das Warum seiner Odyssee, denn der 26-jährige Muhamed hatte seine nebelumwölkte Heimat unterm Äquator seit vier Jahren nicht mehr gesehen.

Er erzählte mir, dass er im Augenblick arbeitslos sei und auf ein Schiff lauere. Als Maschinenmann, sei’s als ‚Oiler‘, als Heizer, Motormann oder Ingenieur-Assistent hatte er sich bisher auf meist abenteuerlichen Pötten durchs Leben geschlagen. Sein letztes Schiff, ein Grieche, hatte er in Indien verlassen müssen, da es verkauft worden war. Der Kapitän, gleichzeitig Eigner, hatte seinen Reibach gemacht. Die Crew hatte er kurzerhand auf die Straße gesetzt, hire and fire! – „So bin ich eben von Indien als ‚Hitchhiker‘ bis Piräus getrampt“, berichtete er weiter. „Doch in Piräus einen Dampfer zu finden ist aussichtslos. Zu viele griechische Seeleute sind selber arbeitslos, und an allen Ecken im Hafen lauern Afrikaner und Asiaten auf einen Job. Also bin ich nach Mersin zurückgetrampt in der Hoffnung, bessere Chancen zu haben...“

Aber jetzt, und er zeigte seine dürftig verarztete rechte Hand, sei ihm auch noch das da passiert. Beim Kochen in einer schäbigen Absteige, die er mit einigen Schicksalsgenossen teilte, war der Petroleumkocher explodiert. Natürlich konnte ich ihm keinen Job auf unserem Schiff besorgen, aber Muhamed war glücklich, wenigstens auf ein zuhörendes Ohr gestoßen zu sein. Um sein schwaches Budget wissend lud ich ihn zu einem Kebab-Imbiss ein und schob ihm einen Zwanzigmarkschein zu, den er sichtlich nötig hatte, um im Dschungelkampf zu überleben, in den er verwickelt war. Denn es war ein Dschungelkampf (und ist es noch immer), den zahllose Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner in den Häfen der Welt durchzustehen hatten. Wenn sie Schiffe abklappernd einen Job suchten, sich einschlichen an Bord, unterwürfig um eine Heuer baten mit ihren oftmals obskuren Seefahrtbüchern, windigen Zeugnissen und erschlichenen Bescheinigungen. Wenn sie abgewiesen, zum x-ten Male als Kanaker angepöbelt und von Bord gejagt wurden. Wenn sie sich schließlich verhasst machten als diebische Hafenstreicher, als Beachcomber mit ihrem gottverdammten Spruch: „Please, Sir, I’m looking for a job...“

In der Seeschifffahrt herrschte eine bedrückende Situation. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir unsere Arbeitsplätze als sicher betrachtet hatten, bröckelte zusehends. Auch mir saß das Hemd näher als die vergammelten Jeans, und ich sah es gar nicht gerne, wie Filipinos uns immer mehr Schiffe ‚wegnahmen‘, weil sie eben billiger waren. Doch verschob sich da nicht etwas? Nicht der Filipino war der Gegner, sondern derjenige, der uns ebenfalls zu Filipinos und Muhameds machen wollte, weil er in seiner unbarmherzigen Gewinnkalkulation nicht bereit war, Arbeitsplätze unter deutscher Heimathafenflagge zu fairen deutschen oder europäischen Bedingungen zu erhalten. Hier hinein passte die simple Kalkulation eines Kapitäns, der, ich zitiere einen Artikel aus ‚Die Zeit‘ vom 5. Dezember 1975, „... seine jetzige Asiaten-Crew nach Auslaufen der Verträge durch Türken ersetzen wird: ‚Die Heuern, die wir jetzt zahlen müssen, lassen uns keine andere Wahl. Sechs Türken bringen soviel wie zehn Indonesier, so kommen wir wieder klar‘...“

Um schmerzender Brotlosigkeit zu entgehen, verfielen heuersuchende Hafenstreicher oft auf die Idee, sich als blinde Passagiere mitnehmen zu lassen. Wenn sie dann auf See aus ihren Verstecken gekrochen kamen, musste man sie halt irgendwie beschäftigen. Meistens durften sie, für drei reichliche Mahlzeiten pro Tag, kräftig die Rosthämmer schwingen. Es konnte allerdings auch passieren, dass so ein ‚Stowaway‘, der natürlich etliche Scherereien mit Behörden und Reederei verursachte, über die Kante ging. Wenn er Glück hatte, mit Flüchen im Rücken und einer mäßigen Chance, das nahe Land schwimmend zu erreichen. Oder, wie auf dem deutschen Panamafrachter „Margitta“, die meuchelnden Hände hinter und des Meeres Grabestiefe vor sich. Auf der „Margitta“ war Anfang der siebziger Jahre ein somalischer ‚Blinder‘ dem Ersten zu lästig geworden. Das hatten ein paar Männer der Crew als Aufforderung zur Beseitigung des Afrikaners verstanden und dies gehorsam und gemeinsam erledigt. Die Täter hatten allerdings ihr Fett wegbekommen. Der Erste, glaube ich, sogar lebenslänglichen Freiheitsentzug. Fast wären ja ihre Köpfe, kraft krummschwertschwingender Henkersknechte sachgerecht vom seemännischen Rumpf getrennt, in jemenitischen Wüstensand gekullert. Die Diplomatie war rechtzeitig eingeschritten, so dass den Männern islamische Rechtsprechung erspart geblieben war und sie aus jemenitischer Gefangenschaft deutschen Kadis zugeführt worden waren.

1974 fuhr ich auf einem 12.000 BRT großen Frachter unter rot-weiß-roter Flagge meines Heimatlandes. Falls noch nicht bekannt, auch Wien war ein zur Schiffsregistrierung gerne bereiter Ausflagghafen. Eines Sonntags befanden wir uns, von Takoradi in Ghana kommend, auf 4 Grad Nord und 6 Grad West. Es war der 15. September, tropisch das Klima, und beim sonntäglichen Preisschießen wurde mir mit 65 Punkten der vierte Preis zuerkannt: ne Buddel Sekt – und den Underberg für die Folgen.

Da kamen mit einem Mal zwei zerzauste krausköpfige Gestalten um die Ecke geschlurft, einfach so, ein langes Etmal von der ghanaischen Heimat, oder woher auch immer die schwarzen Burschen herkommen mochten, entfernt. Ein trink- und zielfreudiger Rest der Schützengilde schaute der Begegnung erwartungsvoll grinsend zu. Also maßte ich mir markiges, einschüchterndes Offiziersbellen an und ließ die schwarzkrausen Kerle erst mal strammstehen bei der peinlichen Frage, was zum gottverdammten Donnerwetter sie denn hier zu suchen hätten. Und sie standen stramm, rollten mit den Augen und sahen in den luftgewehrbewaffneten Sonntagszechern sicherlich schon ein kolonialistisches Kaffernkillerkommando, es war irgendwie beschämend...

Ich erklärte ihnen, dass sie mir zum Kapitän folgen sollten, nachdem ich diesen sanft auf den sonntäglichen Schock vorbereitet hatte. Als ich die Stowaways wenige Minuten später abholte, hatte sich ein dritter dazugesellt. Alle drei versicherten in bestem Pidgen-English: „No more black man go come, Sir!“ Also, ab zum Alten!

Der Alte, ein gewichtiger Seebär, Freund guten Whiskys und deftiger Grünkohlgerichte, veranstaltete ein titanisches Feuerwerk donnergrollenden Kapitänzorns. Rot vor Wut ließ er sämtliche Fucking-damned-Flüche als gotteslästerlichen Schauer über die drei Schwarzen niederprasseln, ein levitenverlesender Anschiss eindrucksvollster Art! Auch die ‚Blinden‘ waren begeistert, sie sanken auf die Knie und bettelten unterwürfig: „Wir wollen doch nur Arbeit, Sir! Wir arbeiten auch nur fürs Essen, Sir!“ – Dem Alten reichte die Luft noch zu einem imposanten: „Raus!!!“ und einem bereits milderen: „Meldet euch beim Chief-Mate!“ - Und als die schwarzen Schwarzfahrer kleinlaut davonhuschten, sagte er: „Arme Kerle! Aber ich musste erst mal ein Donnerwetter veranstalten, das bin ich der Situation schuldig.“ - Als ich daraufhin gleichfalls verschwinden wollte, bekam ich die der Situation entsprechende Order: „Los, Funki, schenk uns erst mal einen ein!“

Die blinden Passagiere durften dann fleißig die Rostmaschine fahren, ein Job, dem die Matrosen an Deck alles andere als mit Vergnügen nachgingen. Stundenlang war man bei dieser Arbeit betäubendem Lärm und grässlichem Roststaub ausgesetzt.

Als wir am zweiten Weihnachtstag im belgischen Gent einliefen, mussten wir einen langwierigen Papierkrieg mit der Polizei ausfechten, denn blinde Passagiere waren jeder Einwanderungsbehörde ein Dorn im Auge. Meist gingen sie ja auch das Wagnis des Sich-heimlich-Wegstauens ein, weil sie der Hölle des Hungerleidens in ihren Heimatländern zu entkommen suchten im Glauben, in Europa sei illegales Von-Bord-Schleichen ein Eintritt ins milch- und honigschäumende Paradies. Den Schiffsleitungen blieb da in der Regel nur die Wahl, entweder selbst für das Anbordbleiben der ungebetenen Fahrgäste zu sorgen, oder, gegen Gebühr versteht sich, gleich der Polizei die Einkerkerung zu überlassen.

Viel besser erging es den Burschen auch nicht, als sie an Bord in eine nach allen Regeln der Seemannskunst verriegelte und verrammelte Kajüte gesteckt wurden. Und doch gelang manchem Illegalen die Flucht. Wurde er rechtzeitig gefasst, musste ihn das Schiff wieder mitnehmen. Wurde er später aufgestöbert, musste die Reederei für den Rücktransport ins Hungerland sorgen. Wir bekamen unsere drei maritimen Trittbrettfahrer jedoch unbeschadet über die Runden und lockenden Hafenzeiten. Das kalte Winterwetter trug das Seine dazu bei, das Einschleich-Schlaraffenland Europa weniger arkadisch erscheinen zu lassen. Wir transportierten die drei jungen Ghanaer sowie eine volle Ladung Klinkerzement wieder Richtung Afrika.

Das Jahr 1975 war angebrochen. Winterliches Sturmgebraus wurde von südlicher Sonne ins Vergessen gedrängt, als wir Westafrikas Küste erreichten, wo – so erklärte mir einmal ein Kapitän – kein Wetter mehr, sondern nur noch Klima herrschte. Er meinte damit das beständige, gleichförmige, waschlappenfeuchte Tropenklima dieser von Stürmen verschonten Region. So brackerten wir durch Permanentklima und ruhige See und schossen wieder mal am schützensonntäglichen 5. Januar die Augen aus den Zielscheiben. Mit 101 Ringen brachte mir das sogar den 1. Preis: diesmal ne Buddel Whisky und eine Stange Zigaretten für mich militanten Nichtraucher...

Sieben Tage später wurden wir in Abidjan, dem Paris Westafrikas, wie es die Weißen gerne genannt wissen, das Mitfahrerproblem los. Einer der blinden Passagiere desertierte noch rasch, während die anderen beiden den offiziellen Weg gingen: über die Gangway hinein in die polizeilichen Mühlen schwarzafrikanischen Bürokratismus. Dass wir vier Tage später bereits wieder einen ‚Blinden‘ aus Ghana an Bord haben sollten, ahnten wir da noch nicht!

Eines Tages im August 1976, als ich auf einem Stückgutfrachter im Liniendienst zwischen Frankreich und den frankophonen Ländern Westafrikas fuhr, hatten wir gleich neun schwarze Schwarzfahrer an Bord. Und alle neune waren mit Hilfe mitleidloser Schlepper in Abidjan oder Lomé auf das Schiff geschmuggelt worden. Gegen hartes Schmiergeld und mit dem Versprechen, der Pott brächte sie eilends und direkt ins Paradies. Nur: unser Kahn setzte seinen Kurs Richtung Südost nach Kamerun und Gabun ab, und die neun Stowaways aus dem Binnenland Mali, dem riesigen Wüstenstaat im Hungergürtel Afrikas, fuhren vom Regen in die Traufe. Vom sozialistisch orientierten Sahelstaat in das westlichem Neokolonialismus hofierende Urwaldland Gabun des Hadsch Omar Bongo. Malier konnte man dort nicht ausstehen, wie uns die Polizisten in Libreville grinsend versicherten. Also, auch hier keine Spur von Brüderlichkeit...

Als die neun Einschleicher entdeckt worden waren und allesamt in der Brückennock zwecks Befragung durch den Kapitän strammzustehen hatten, stellte sich bei vielen Besatzungsmitgliedern erschreckend rasch eine Art aggressiver Bereitwilligkeit ein. Eine Selbstherrlichkeit den Sich-im-Unrecht-Befindlichen gegenüber. Im Unrecht zu sein schien gleichbedeutend mit rechtlos zu sein. Wir balancierten auf einem äußerst schmalen Grat. Des Alten bedenklicher Rassismus, zu dem er sich freimütig bekannte ohne ihn als solchen zu bezeichnen, ließ eine fast sinnlich prickelnde Stimmung aufkommen. Eine Atmosphäre, wo der bekannte Funke zur Explosion, das Fingerschnippen zur Lynchjustiz führt. Damit will ich nicht behaupten, dass der Kapitän dies gutgeheißen hätte. Aber es war unverkennbar, wie einige Männer im vermittelten Glauben, es hier mit miesen niederzuknüppelnden Meuterern zu tun zu haben, darauf brannten, dem erstbesten, der aufzumucken gewagt hätte, eins aufs Maul zu hauen.

Rückblendend muss ich erläutern, dass unser Kapitän im langjährigen Südafrikadienst die reaktionäre Burenideologie in seine eigene konservative Weltanschauung hatte einfließen lassen. Auch ganz allgemein hing er der selbstgefälligen Gesinnung einer elitären Oberschicht an. Er fühlte sich als rassisch Privilegierter aus der dogmatischen Denkart heraus, dass Nichtweiße zu gewissen Dingen einfach nicht fähig sind. Er war ein angenehmer Unterhalter, schätzte gute Bildung, liebte exzellenten Rotwein und heiße Diskussionen. In meinem Hang zu widerborstigem Oppositionsgeist flogen bei uns des Öfteren die Fetzen. Erst einige Tage zuvor hatten wir ein Streitgespräch geführt, in dessen Verlauf er nicht davon abzubringen gewesen war, dass, wer arm sei und hungert, selbst Schuld daran trage. Er solle halt arbeiten... Und nun standen sie da, die neun Malier, die nichts weiter wollten als dorthin zu fahren, wo sie Arbeit zu finden glaubten.

In vielen Häfen, in denen mit Einschleichern zu rechnen war, wurden vor Auslaufen die Laderäume, Kammern, Maschinenraum, Winkel und Ecken durchsucht, um den für alle Seiten unliebsamen Problemen aus dem Wege zu gehen. Der Kapitän eines deutschen Trampschiffes entledigte sich der unerquicklichen Tatsache, einen Stowaway an Bord zu haben, auf seine Weise. Als er durch die Fischgründe vor Westafrikas Küste tuckerte, winkte er einen Fischkutter heran und ließ Zigarettenstangen zeigen. Auf diese Weise signalisierte er den Fischern, ein nicht unübliches Geschäft – Fisch im Tausch gegen Zigaretten und Schnaps – auf hoher See abwickeln zu wollen. Er ließ den Fischerkahn längsseits kommen und drängte darauf, das Fahrzeug ordentlich zu vertäuen und festzumachen. Das Misstrauen der Afrikaner beschwichtigte er freundlich palavernd und mit Zigarettenstangen, die er den Männern zuwarf.

Als der Kutter fest war, kam auf Kommando Leben in die Seeleute des Frachters. Ein sachgerecht gefesselter und geknebelter blinder Passagier wurde in Windeseile von starken Seemannspranken über die Verschanzung gehoben und Hand über Hand in das Fischereifahrzeug gefiert. Gleichzeitig kappten die Männer die Leinen, der Dampfer ging auf volle Fahrt voraus – und unter Gejohle und wütendem Protestgeschrei war das Stowaway-Problem für den deutschen Trampdampfer gelöst. Auf eine zwar pfiffige, aber doch recht grobe und hinterhältige Weise, die man Kuckucksei-Methode nennen könnte...

Als ich Mitte der Sechzigerjahre auf einem kleinen Hochseeschlepper durch den Indischen Ozean schaukelte, erzählte mir der Dritte, mit dem ich eine enge Kajüte teilte, wie er mit Frau und kleinem Sohn aus der DDR geflüchtet war. Als Erster Offizier eines DDR-Frachters hatte er nur für seine Frau eine offizielle Mitreisegenehmigung erhalten. Seinen Jungen jedoch hatte er, durch Schlafmittel betäubt, als kleinen Stowaway so raffiniert versteckt, dass ihn die Polizisten, als sie das Schiff nach so genannten Republikflüchtlingen durchkämmten, nicht entdeckten. Von Rostock bis Schweden war es daraufhin vergleichsweise nur noch eine Spielerei. - Der blinde Passagier als politischer Flüchtling, als Fliehender, als Schutzsuchender...

Im Norden Madagaskars, in Diego Suarez, waren noch Anfang der Siebzigerjahre eine Menge Fremdenlegionäre stationiert. Einige deutsche Legionäre nutzten die Gelegenheit, auf einem mit deutschen Offizieren besetzten Panamafrachter ins Zivilleben zu desertieren, was ihnen ohne freundschaftliche Hilfe kaum gelungen wäre. Auf einem dieser Panamapötte im Maskarenen-Inseldienst, auf dem ich lange Zeit arbeitete, kursierte die Story von einem besonders schlauen Legionär. Dieser hatte, im Hinblick auf die rigorosen Durchsuchungen des Militärs, den absolut sicheren Schlupfwinkel für einen blinden Passagier gefunden. Besser gesagt, er glaubte ihn gefunden zu haben. Weil diese Schiffe in Diego Suarez immer mehrere Wochen in der Werft lagen, waren Kontakte mit den Legionären gang und gäbe. Und dieser eine hatte nun kurz vor Auslaufen aus dem Dock seinen drahtigen Körper durch ein offenes Mannloch in den Doppelbodentank des Schiffes gezwängt. Seemännisch unbedarft konnte er nicht ahnen, was ihm dort unten drohte. Seine verzweifelten Hilferufe und Todesschreie werden beim Fluten der Ballasttanks im Dröhnen der Maschinen untergegangen sein. Es dauerte ein halbes Jahr, da legte sich die Leiche des Legionärs vor den Saugkorb der Lenzleitung und machte, als der Doppelbodentank wieder einmal leer gepumpt werden sollte, auf das Drama aufmerksam, das sich dort unten abgespielt hatte. Für die Fremdenlegion war der Deserteur nicht mehr auffindbar gewesen, also nicht mehr existent und somit ein Strich durch den höchstwahrscheinlich falschen Namen eines Namenlosen...

Der Kapitän meines ersten Schiffes – er hatte mir einmal vorgeworfen, nie ein strammer Offizier zu werden, weil ich in grünschnabeligem Leichtsinn die Nachtfalterreize einer kolumbianischen Schönen der pünktlichen Rückkehr an Bord vorgezogen hatte - war eine verwitterte alte Teerjacke. Ein Sailor alter Schule, der auf amerikanischen Segelschiffen im Pazifik den Horizonten nachgejagt war. Seine letzte Seereise – er war längst pensionsberechtigt – sollte wahrlich seine letzte Reise gewesen sein: Er war kurz nach dem Einlaufen in einen wintersturmgepeitschen Hafen oben in Schottland gestorben. Dieser alte Fahrensmann hatte gerne mal von alten Zeiten erzählt. So auch von einem Zossen, der so voller Ratten gewesen war, dass man ihn hatte ausgasen müssen.

„Und als wir den Dampfer hievenweise von toten Ratten säuberten“, beendete der Alte seine Geschichte, „fanden wir zwei tote blinde Passagiere in den Windhutzen. Norweger. Die hatten sich durch die Luftschächte an Deck retten wollen, doch wir hatten ja die Windhutzen dichtgemacht, damit das Gas im Schiff blieb...“

Eine weitere Story über Stowaways erzählte mir ein nautischer Offizier auf mein Tonbandgerät: „...Man nimmt an, dass sich die blinden Passagiere auf diesem Kühlschiff in Kolumbien hatten einstauen lassen, um nach Europa zu kommen. Denen wurde es allerdings da unten ganz schön kalt. Die Bananen werden nämlich auf dreizehn Grad runtergekühlt, das heißt der Luftstrom, der da durchweht, der mag vielleicht elf Grad haben. Jedenfalls haben die dann Bananenkartons auseinandergepackt und daraus in der Luke ein Feuerchen gemacht. Und nun fing natürlich auf der Brücke sofort der Rauchmelder an zu bimmeln. Man nimmt zwar an, dass die (auf der Brücke) geahnt haben, was da los war. Aber sie haben bloß gesehen, dass Rauch aus der Luke kam, haben alles dicht gemacht und CO2 reingepumpt. Und als das Schiff dann in Bremerhaven gelöscht wurde, fand man irgendwann drei an CO2-Vergiftung gestorbene Männer...“

 

 

Impressum || juergenruszkowski@gmx.de ||

Alle Nutzer des Dienstes sind für die Inhalte der Seite selbstverantwortlich!
Realhomepage distanziert sich von allen hier angebotenen Inhalten!
Kostenlose Homepage von Realhomepage.de

\"Suchmaschinenoptimierung